Müssen Designer die Welt verbessern - definitiv Nein

Sie können es gar nicht.

6. Februar, 2016

Erstens haben Designer in der Regel weder Wirtschaft, Politikwissenschaften, Soziologie noch Ökologie gelernt und zweitens müssten sie sich dann in letzter Konsequenz selber abschaffen.

Sie können es erstens nicht, da sie in der Regel weder Wirtschaft, Politikwissenschaften, Soziologie noch Ökologie gelernt haben, und zweitens müssten sie sich dann in letzter Konsequenz selber abschaffen – zumindest wenn einem die Ökologie besonders wichtig erscheint.

Wie lässt sich gemeinsam eine lebenswerte Zukunft gestalten?

Um diese Frage klären zu können benötigt man keine Designer. Mich langweilen und erschrecken die Behauptungen, Design sei politisch oder besonders geeignet, um eine lebenswerte Zukunft zu gestalten.

Lasst uns alle endlich mit dem Blödsinn aufhören, Designern einreden zu wollen, ihr Beruf sei zur Welten-Rettung vorhanden und geeignet.

Dies ist nicht der explizite Job von Designern, sondern der Job von uns allen.

In der PAGE-Ausgabe 12/2015 (Seite 24, 106, 114) kam diese Frage zumindest hinsichtlich einer Ökologie-Thematik auf und wurde leider nicht hinreichend beantwortet. Indirekt ein wenig, indem die Agentur Clormann Design vorgestellt wurde, deren Mitarbeiter nur eMobile fahren, eine eigene Solaranlage installiert wurde etc.

Es fehlte aber der deutliche Hinweis, das dies keine Design-Eigenschaften sind, sondern Mindeststandards darstellen, bevor man überhaupt behaupten kann, halbwegs ökologisch unterwegs zu sein. Aber selbst dies erfüllt fast niemand und oft auch nicht jene Aposteln, die nicht müde werden, zu behaupten, die Designer sollten die Probleme der Welt lösen.

Die in der PAGE12/2015 genannten gesellschaftlich-politischen Projekte zur Unterstützung von Flüchtlingen sind hervorragend und erwähnenswert. Aber eben nicht als explizite Design-Projekte, sondern als wichtige und richtige Initiativen anzusehen, die jeder leisten bzw. unterstützen kann. Design-Kompetenzen sind dazu überhaupt nicht erforderlich, wie diverse Unterstützungsprojekte andere Fachrichtungen und Internet-Portale (z.B. Wohnungssuche für Flüchtlinge) von Soziologie- bzw. Kunsthistoriker-Studierenden zeigen.

Gewiss – schaden kann die Expertise von Designern nicht, aber das Thema “Weltenrettung” hat dennoch nicht explizit etwas mit Design zu tun.

Diese Fehl-Zuweisung lenkt zu sehr von der Realität ab, dass wir alle Ressourcen-Verschwender sind.

Zudem weckt dies insbesondere für junge Designer ohne Berufserfahrung ungünstig die Vermutung, dass sie sich besonders dafür kümmern sollten und führt als Ziel immer wieder dazu, dass sich Designer naiv verhalten und sich ohne oder nur mit extrem geringen Honorar von vermeintlichen Weltenrettern in Folge aber auch von vielen Anderen ausnutzen lassen, die geschickt die Lust junger Designer zu lenken wissen, die sich engagieren wollen.

Das führt dann zu extrem geringen Honoraren für die Designern und bei den Auftraggebern zu der Vermutung, dass sich Designer bereits durch die Möglichkeit, sich kreativ einbringen zu können, hinreichend entlohnt fühlen.

In derselben PAGE-Ausgabe wird als angeblich löbliches Beispiel youvo .org genannt, eine Website über die Designer für Non-Profits kostenfrei arbeiten können.

Niemand käme je auf die Idee von Handwerkern, Bäckern oder von Juristen zu erwarten, die Welt zu retten oder gar auf Gehalt zu verzichten.

Designer hingegen scheint man für die passenden Deppen zu halten.

Dieser Vermutung sollte man endlich mal – insbesondere in der Design-Lehre – entgegentreten.

Weil aber selbst Fachmagazine wie die PAGE und so manche Design-Ausbildungsstätten die Selbstausbeutung von Designern hochleben lassen, verleiten sie Designer zu einer devoten Unterwürfigkeit.

Damit unterstützen sie die Trägheit mancher Design-Studierenden, sich nicht den Konflikten des Marktes zu stellen, anstatt sie angemessen darauf vorzubereiten, dass Gestaltung nur ein Drittel ihrer Design-Berufstätigkeit ausmacht und zu 70% aus Recherche, Analyse- und Entwicklungs-Methoden, Akquise, Kalkulation und Projektmanagement besteht.

Für die Non-Profits können und sollten sich ausschließlich etablierte Designer und Agenturen kostenfrei engagieren. Die können es sich finanziell eher leisten, diese wissen längst, dass Design nicht der Weltrettung dient und deren Bekanntheit könnte den Non-Profits durch etwas helfen, was unbekannte, noch lernende Designer erst noch aufbauen müssen – wenn man sie denn lassen, sie korrekt ausbilden und nicht mit diesem Weltrettungs-Ideal auf die falsche Fährte setzen würde.

“Weltenrettung” ist eh nur eine extrem naive, geradezu die Realität verachtende Erwartung.

Nur einige Beispiele aus der Realität, die ganz nebenbei auch deutlich machen, dass Weltenrettung kein Designers Business ist, dass Designer gar nicht die Macht dazu haben und dass es letztendlich wir alle sind, die – wenn überhaupt – die Welt zu retten hätten:

– Die oben genannte Agentur Clormann Design macht alles richtig. Sehr viele Unternehmen – unabhängig von der beruflichen Ausrichtung – könnten es ihr gleich machen. Es macht aber kaum einer.

– In Deutschland wird viel Fleisch gegessen. Dadurch wird in der BRD und in anderen Ländern viel Wasser, Ackerflächen und Ressourcen vergeudet, um Futtermittel für die Fleischzucht zu produzieren.

– Soja-Milch ist ebenso ein umweltmissachtendes Industrieprodukt wie CocaCola. Die Herstellungsprozesse sind so aufwändig wie überflüssig.

– Für Haustiere geben alle Halter in Deutschland 3.900.000.000,- (3,9 Mrd.) Euro aus. Da Haustierhaltung an sich in vielen Fällen überflüssig und in jedem Fall ökologisch bedenklich ist, könnte diese beendet werden. Somit könnte das so eingesparte Geld für Öko-Projekte gespendet und investiert werden.

– Die Ökobilanz eines Hundes in der Größe eines Schäferhundes entspricht der eines Geländewagens. Dieses Beispiel gibt eine Ahnung davon, was man sich und der Umwelt ersparen könnte.

Es liegt mir fern, den ersten Stein zu werfen und mahnend den Finger zu heben.

Nichts von alledem erwarte ich.

Es sind aber nur wenige von extrem vielen, möglichen Beispielen, die zeigen sollen, wie sehr wir in einer allgemeinen Vergeudung stecken und wie schwer es uns allen fallen würde, zu verzichten.

Und im Rahmen dieser Erkenntnis behaupten zu wollen, es sei der Job von Designern, die Welt zu retten ist sehr naiv.

Diese Fehlinterpretation und die daraus resultierende Fehlleitung vieler Design-Studierender ist seit vielen Jahrzehnten eine der Ursachen, weshalb Designer so extrem schlecht bezahlt werden und dass die Designer, die in strategischen Design-Berufen tätig sind, nicht als das bezeichnet und wahrgenommen werden, was sie sind, nämlich Unternehmensberater, die die Entwicklung von Dienstleistungen und das Produkt zusätzlich zur allgemeinen Beratung gleich mitliefern.

Zudem muss man sich darüber im Klaren sein, dass Designer zwangsläufig Teil und Mit-Verursacher des Konsums sind, so wie es letztendlich alle Bürger sind, weil wir uns zwar gerne als mündige Bürger sehen, aber weitestgehend alle in erster Linie konsumieren und Bedürfnissen folgen, die erst z.B. durch gestaltete Werbung geweckt wurden.

Nur wer im Erdloch wohnt oder es tatsächlich schaffte, sich hinsichtlich Heizung, Wasser und Strom autark zu versorgen und auch sonst nur naturbelassene Produkte verwendet und Nahrung zu sich nimmt, die am besten selbst angebaut wurde, schafft es Natur-konform, ökologisch und auch politisch/sozial mit Anstand gegenüber anderen zu leben.

Mal vom Erdloch abgesehen, wäre dies erstrebenswert und die, die es durchziehen, sind wohl die idealen Vorbilder für ein Gestalten einer gemeinsamen, lebenswerten Zukunft.

Nur wer lebt dies – welche Design-Studierenden leben so?

Niemand.

Dennoch wird gerne so getan, als würde es ausreichen, so zu tun, als stünde man schon fast davor, dieses Ideal auch selber zu leben.

Diese Art des Selbstbetrugs sollte sich jeder ersparen.

Um dort hinzukommen, benötigt man nicht einen einzigen Designer, sondern nur gesunden Menschenverstand und die Akzeptanz, dass wir alle von extrem vielen Wertschöpfungsketten, Produkten und Dienstleistungen Abschied nehmen müssten, die sich durch unseren Konsum, unsere Bequemlichkeit und die Lust auf gestaltete Produkte ergaben.

Schließlich benötigt man von jedem Gebrauchsgegenstand eigentlich nur eine einzige Variante: eine Sorte Stuhl, eine Sorte Tisch, eine Sorte Teller etc.

Willkommen sei die Tauschgesellschaft…

Designer sind dann überflüssig.

Die meisten anderen Berufe allerdings auch.

Was um so deutlicher macht, weshalb es so absurd ist, zu behaupten, Designer seien relevant zur Weltenrettung.

Design steht im Ergebnis immer und grundsätzlich für Konsum und somit für Verbrauch.

Selbst Öko-Unternehmen oder Non-Profits beauftragen Designer, um Aufmerksamkeit zu generieren.

Noch nie wurde ein Designer beauftragt, um die Welt zu retten, sondern immer, um eine Dienstleistung oder Produkt zu entwickeln oder sie bekannter zu machen, um so Konkurrenz zu beflügeln und Konsum auszulösen.


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