Designer müssen vieles sein – auch Gestörte und Entscheider – aber nie Utopisten

Ein Kommentar zum Artikel Die Gestörten – brandeins 05/2007

6. Juni, 2015

Designer sind im Idealfall Gestörte, aber auch Controller. Sie müssen Gestalter, Kreative und Entscheider sein. Sonst sind sie nur Gestalter, aber keine Designer.

Die Gestörten – brandeins 05/2007

Ein von mir in Vorträgen und Seminaren häufig zitierter Artikel:
http://www.brandeins.de/archiv/2007/ideenwirtschaft/die-gestoerten/

Er beschreibt, wie wesentlich sich “latente Hemmung” auswirken kann und das jene, die Zusammenhänge in vielseitigen Facetten sehen und verknüpfen können, leichter abzulenken und aus dem Konzept zu bringen sind, gerade weil all ihre Sinne offen für neue Eindrücke sind und sie daher so kreativ, so innovativ sein können.
Entscheider sind aber häufig eher jene, die an Innovation nicht viel einzubringen in der Lage sind, einmal definierte Aufgaben aber auch dann stoisch abarbeiten können, selbst wenn es zahlreiche Unterbrechungen gibt.

Designer und insbesondere Entscheider sollten beides können. Und Designer sollten stets bestrebt sein, Entscheider zu sein. Sonst sind sie nur Gestalter, aber keine Designer.

Es ist wichtig, das Thema Design von der bloßen Gestaltung und erst recht von der Unterstellung, Design hätte etwas mit Kunst zu tun, entfernt zu betrachten.

Entscheider sind die, die festlegen, wo es lang geht. Die meisten Designer laufen aber nur hinterher. Obwohl deren Planung, deren Innovation, deren Entwicklung und deren Gestaltung in der Regel die Hauptursache für eine Kaufentscheidung und für den Erfolg eines Unternehmens sind.
In dieser Reihenfolge sieht man auch, dass Gestaltung immer nur einen Teil und oft den kleinsten Anteil einer Designentwicklung darstellet. “Gestaltung” ist dem Klischee und der allgemeinen Vorstellung von Design am nächsten. Mit Design hat es aber nur insofern zu tun, dass es ein Anteil davon ausmacht.

Design und Designer werden erst dann in Führungspositionen und Entscheiderpositionen aufsteigen können, wenn sie es schaffen, deutlich zu machen, dass sie nichts mit dem Klischee zu tun haben, und dass es (fast) immer nur 2 Kriterien gibt, die zum Kauf eines Produktes oder einer Dienstleistung führt: der Preis und das Design. Wobei Design hier für Qualität steht, wenn es eben nicht nur die Gestaltung berücksichtigt, sondern Design als komplexen Entwicklungsprozess berücksichtigt, wie es z.B. mit Servicedesign vorgelebt wird.

Damit wären wir beim Teamgedanken:
Design besteht aus Ideen/Aufgaben, Business und Produktion. In allen Etappen einer Entwicklung ist Kreativität erforderlich. Ein Team ist bereits auf Grund der Vielzahl an Gewerken erforderlich. Um so wichtiger ist es, an der Spitze jemanden zu haben, der Ideen-/Konzept-Kompetenz, Projektmanagement und Wirtschaftskompetenz mitbringt, um Möglichkeiten, Sinn, Kalkulierbarkeit und Einzelaufgaben identifizieren zu können, um diese dann im Team kommunizieren und verteilen zu können.

Ein Designer ist erst dann ein Designer, wenn er das kann.
Ansonsten ist er Gestalter.
Es bedarf eben mehr Gestalter als Designer und es taugen auch nur weniger als Designer.

Design hat nur dahingehend etwas mit Selbstverwirklichung zu tun, dass dieser Beruf sehr viel Spass machen kann, wenn man sich darüber im Klaren ist, worin er besteht.
Wer sich als Designer gleichbedeutend mit Weltenretter sieht, hat weder sich, noch die Welt, noch den Menschen an sich begriffen. Viele derer, die nur Gestalter sind, weil ihnen über das Gestalten hinaus jene Kompetenzen fehlen, die sie zum Designer machen könnten, verfallen gerne naiven Utopien, als Gestalter Macht und Einfluss über den Verlauf gesellschaftlicher Umstände zu haben, und sie so als Gestalter am Heilen der Welt beteiligt sein zu können.
Aber das Träge an den Utopien ist, dass sie meistens welche bleiben und insbesondere sich viele Protagonisten der Designwelt daran betrinken und an den Gedanken von Frieden, Freude, Eierkuchen besoffen werden. Währenddem sie sich von anderen die Butter vom Brot nehmen lassen und sich mit einem Bruchteil der Tagessätze eines sogenannten Unternehmensberater, Marketingexperten oder sonstwie geschulten Verkäufers begnügen, die allesamt nur Worte bieten und Absichtserklärungen äußern, die Arbeit und mit ihr nicht selten die Innovation bzw. die entscheidende Erfolg bringende Substanz oftmals aber vom Designer stammt.

Solange Gestalter meinen, Designer zu sein, solange sich Designer wie Gestalter verhalten, solange selbst Design-Studierende ihren Beruf mit Kunst verwechseln, solange werden Designer schlecht bezahlt sein und kaum in Führungsebenen eine Rolle spielen (können).

Es würde genügen, wenn 10% aller Design-Studierenden dazu ausgebildet würden, zusätzlich zur gestalterischen Kompetenz wirtschaftliche Zusammenhänge zu begreifen und Projekte managen und Verhandlungsgespräche erfolgreich und mit Standing führen zu können.
Wichtig zu beachten ist auch, dass es niemals je einen Designauftrag gegeben hat, der nicht darauf abzielte, ein Produkt zu verbessern, oder Aufmerksamkeit zu steigern, um in Folge den Umsatz zu steigern.
Design taugte nie dazu, den Überfluss der Gesellschaft zu verringern.
Diese ganze Naivität und Utopisten-Diskussionen die in vielen der schlechten unter den ca. 60 Hochschul-Designausbildungen manifestiert sind, dienten noch nie der Verbesserung der Welt oder der Gesellschaft. Es blieb immer nur extrem hohles Geschwätz. Nach dem Motto, lieber mal zumindest die (Pseudo-) Moral im Geiste durchgespielt zu haben, um sich und anderen einreden zu können, eigentlich doch die Welt retten zu wollen. Dennoch weiß kaum einer dieser Utopisten, ob nicht auch ihre modischen Kleidungsstücke das Ergebnis erbärmlicher Arbeitsbedingungen ist und ob das Futter, dass sie für ihren Haushund kaufen, nicht doch nur das Ergebnis erbärmlicher Zucht- und Schlachtfabriken ist, ihre Tierliebe somit auch ebenso relativ ist, wie das Bewusstsein darüber, dass man auf der Anbaufläche für das Futter für die zu verfütternden Tiere auch Lebensmittel für verhungernde Menschen hätte anbauen können. Und wofür das Ganze? Nur um ein Hundewesen zu füttern, dass von der Natur gar nicht vorgesehen ist und nur dem Pläsier der Hundehalter dient. Die Ökobilanz eine Hundes ab der Größe eines Schäferhundes entspricht übrigens der eines Geländewagens. Wenn Designer eine Ausbildung in Ökologie hätten wüssten sie das und das sie ihren Beruf eigentlich gar nicht ausüben könnten/sollten, wenn sie tatsächlich ökologisch handeln wollten.
Da geht es den Designern wie den Hundehaltern.
Mir geht es auch nicht darum, Hundehaltern ein schlechtes Gewissen einzureden, sondern um deutlich zu machen, wie hart die Realität uns und unserer Bequemlichkeit im Wege steht, um tatsächlich jenes selber betreiben zu können, was wir am liebsten von allen verlangen würden und das unser Gewissen und unsere frommen, utopistische Wünsche und Träume von uns selber erwarten.
Und eigentlich stellt sich doch die Frage, ob es nicht ausreicht, von jedem Produkt nur eine Sorte zu haben: eine Stuhlsorte, eine vom Tisch, Sofa, Jacke, Hemd, Pullover etc. und lediglich in der Größe variierend. Die Amish-People leben beinahe so. Es ist demnach möglich. Nur – wollen wir das selber auch für uns so?

Im Grunde muss man kein Unicorn sein, um sich eingestehen zu können, dass man lieber in Vielfalt leben möchte und auch nicht in allen Belangen daran erinnert werden möchte, dass wir unser Leben nur mit schlechten Gewissen leben können oder uns darüber im Klaren sind, dass alle Vorteile mit mehr oder weniger großen Nachteilen erkauft werden.

Utopisten-Diskussionen haben demnach nichts mit Design zu tun. Und ebenso sollte man sich das Geschwätz von Soziologen und anderen selbst ernannten Theoretikern
ersparen, die daherschwätzen, und den Designer einreden, “Designer sollten die Welt vom Überfluss befreien” sie sollten die Welt retten, ökologische Produkte voranbringen und die Gesellschaft verändern. Die Kernabsicht der Schwätzer ist lediglich, ihre eigene Existenz zu sichern, den eigenen Buchverkauf anzukurbeln, ohne selber nie wirklich etwas im Sinne der eigenen Behauptungen und Forderungen erreicht zu haben.

Und den Designern — denen fehlt doch jegliche Macht, da ihnen in der Regel die Ausbildung fehlt, die Zusammenhänge von Design und Wirtschaft zu ihrem Vorteil nutzen zu können. Zudem lassen sie sich zu gern in die Utopisten- /Idealisten-Rolle schieben, links und rechts von Verkäufern überholen, die dann das Business machen und es sich von schlecht bezahlten, willigen Gestaltern aufhübschen lassen.

Um so überflüssiger ist das Sinn entlehrte Geschwätz dieser selbsternannten Theoretiker, die letztendlich das Business betreiben, das viele Designer noch nicht begriffen haben oder nicht begreifen wollen. Dann taugen sie allerdings auch nichts als Designer, sondern sind bestenfalls Gestalter.
Die Kerneigenschaft der Schwätzer ist, dass diese lediglich nur festzustellen brauchen, dass “man” etwas ändern soll, ohne selber tätig werden zu müssen.
Eigentlich schwätzt sie nur wie ein “Bankberater”, der anhand der Charts aus der Vergangenheit lediglich nacherzählt, was in der Vergangenheit gut oder schlecht verlief.
Das ist der Haupttrick der Schwätzer, die so als Manipulateure agieren. Sie suchen sich fehlerbehaftete Ereignisse aus der Vergangenheit, deren Fehler deutlich und unwidersprochen sind und präsentieren sich nicht nur als deren Entdecker und Aufklärer, sondern gleich als Retter, ohne allerdings selber etwas zu tun, indem sie die rettende Aufgabe einfach von sich weg delegieren. In diesem Fall sollen es Designer richten.
Und die Träumer unter den Designer, die Pseudo-Idealisten unter den Gestaltern, fallen darauf rein, stürzen sich in Projekte, verharren auf ewig in ihrer Utopisten-Schleife und wundern sich, eigentlich nie etwas zu erreichen, außer innerhalb des kleinen Kreises, den sie eh nicht mehr überzeugen brauchen.
Man muss sie leider Pseudo-Idealisten nennen, da man eigentlich erst dann etwas erreichen kann, wenn wirtschaftliche Zusammenhänge gesehen und begriffen werden, und dass das Leben in der Welt, die wir modern nennen, immer nur ein Kompromiss ist. Und diejenigen, die am lautesten mit Vorwürfen gegen Konsum und Gesellschaft agieren, haben oft nur zu wenig darüber nachgedacht, selber Teil der bequemen Vorzüge und Umstände unserer Gesellschaft zu sein. Dazu schrieb ich oben bereits.

Um wirklich von Seiten der Designer her wenigstens etwas zu ändern, fehlt es den Designern an Macht und an Ausbildung, die sie dorthin führen könnte.
Designer kriegen es ja nicht einmal auf die Reihe, Entscheiderpositionen zu besetzen. Sie sind oft das kleinste Glied in Entscheidungsstrukturen, obwohl sie – übrigens zusammen mit den Ingenieuren – die wichtigsten Bausteine zum Erfolg eines Produktes oder einer Dienstleistung liefern.

Mal von all dem abgesehen, kenne ich keine Designhochschule, die ernstzunehmend ökologische Themen lehrt. Auch wirtschaftliche Zusammenhänge lehren erstaunlich wenige Design-Hochschulen. Obwohl Design stets im Widerspruch zur Ökologie steht und massiv mit Ökonomie verschmolzen ist.
Was jetzt nicht heißen soll, perse Ökologie außer Acht lassen zu sollen. Sie ist aber kein spezifisches Thema der Designer, sondern das Kernthema für jeden Verbraucher.
Jeder, der denken kann, findet sehr leicht Möglichkeiten, seinen Stromverbrauch um 40%, die Heizkosten um 20%, den Benzinverbrauch um 30% zu senken. Auf chemische Putzmittel kann man fast komplett verzichten. Das Internet liefert zahlreiche Informationen über alternative Hausmittel und auch über alle weiteren ökologischen Möglichkeiten. Lebensmittel und Kleidung können all jene mit etwas höherem Einkommen fairtradet und ökologisch kaufen.
Wenn es nur eine Minderheit an Verbrauchern schafft, diesen banalen, leicht zu lösenden und leicht zu gehenden Mindest-Ökologen-Weg zu gehen, kann es wohl kaum der Job der Designer sein, die Welt zu retten !

Damit sind diese Themen durch.

Und Designer können sich darauf konzentrieren ihr Business zu machen. Wer nur hübsch machen kann oder nur will wird sein Auskommen als Gestalter finden und auf dieser Ebene auch glücklich werden können.

Entscheidend ist, dass wir Design endlich ausschließlich als Beruf für Entscheider lehren. Am Ende eines jedem Jahrgangs wird es eh nie mehr als 10 – 15% geben, die dazu taugen Entscheider sein zu können. Aber diese werden dafür sorgen, den Design-Beruf vom Gestalter-Utopisten-Image zu befreien.
Und erst, wenn es genug kreative Geister (Gestörten mit Business-Kompetenz) in den Führungsebenen und Unternehmens-Vorständen gibt, besteht die Chance, dort noch mehr als bisher Fairness und ein breiteres Bewusstsein zu erleben, was dann auch wieder gesellschaftliche Auswirkungen haben könnte.

Wichtig wäre noch folgendes:

  • Kunst-Unterricht an Schulen sollte nicht von Künstlern durchführt werden. Künstler auf Lehramt träumen nicht selten davon, in einer halben Stelle tätig sein zu können und betreiben das Lehramt nur als persönliche Absicherung, um ungestört ihrer Kunst nachgehen zu können.
  • Kunst-Unterricht an Schulen sollte zum “Gestalten – Unterricht” geändert werden.
  • Ab der 11. Klasse sollte der “Gestalten – Unterricht” zum “Design – Unterricht” werden. Potenzielle Design-Studierende könnten so hinreichend auf das Design-Studium vorbereitet werden bzw. frühzeitig erkennen, was Kreativität/Innovation ist, was Design ist, was Medien sind, wie all dies in der Gesellschaft wirkt und ob man selber für den Design-Beruf geeignet ist. Das Wissen über Kreativität/Innovation, Design, Medien und Gesellschaft hilft auch in vielen anderen Berufen. Zumindest mehr, als Kunst-Seminare von oftmals wenig motivierten und als Künstler gescheiterten Kunst-Pädagogik-Persönlichkeiten.
  • Nicht Künstler an Kunstakademien, sondern Designer sollten für den Gestalten/Design – Unterricht ausgebildet werden. An den Hochschulen, an denen Design gelehrt wird und an denen zudem auch “Design-Pädagogen” ausgebildet werden, muss es im Grund- und im Hauptstudium eines Design-Studiums ergänzende Pädagogik- und Soziologie-Seminare und regelmäßige Seminar-Lehr-Übungen live in Schulklassen für die späteren Design-Lehrer geben. Es sollte Master-Studiengänge geben, die (insbesondere älteren) Designern mit Berufserfahrung einen Quereinstieg zum Design-Lehr-Beruf ermöglichen.
  • Kunstakademien sollten davon befreit werden, Kunst-Pädagogen ausbilden zu müssen.
  • Kunstakademien sollten davon befreit werden, so tun zu müssen als könnten sie für Designberufe hinreichend vorbereiten und demnach erst gar keine Design-Studiengänge mehr anbieten.
  • Design-Studiengänge sollten ohne Ausnahme folgende Seminare zu mindestens jeweils 2 SWS anbieten: Projektmanagement, Projektkalkulation, Grundlagen des Marketing, Medienrecht
  • Design sollte als beratender Beruf gelehrt werden, bei dem Designer als Berater, Konzepter und gestalterische Umsetzer tätig sind.
  • Jedem Design-Studierenden sollte bereits vor dem Design-Studium klar sein, dass Design rein garnichts mit Kunst zu tun hat und das Kreativität kein künstlerisches, sondern ein rein menschliches Phänomen darstellt. Das Zitat von Kurt Weidemann sollte jedem bekannt sein: “Der Künstler macht was er will und der Designer will was er macht”, Künstler sind Autoren-getrieben und die Designer Auftrags-getrieben.

Das wäre meine Utopie…


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